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 Glück ist mehr als die Abwesenheit von Unglück. Es ist Erfahrung und Chance zugleich
Es ist Dankbarkeit, die mich sagen lässt: Ich habe ein gutes Leben gehabt. Wenn ich heute auf mein Leben zurückschaue, sehe ich es als ein glückliches. Ich habe geliebt, bin geliebt worden und liebe das Leben. Dieses Letzte ist so umfassend, dass ich eigentlich schreiben müsste: Ich liebe das Dasein. Glück ist Selbstvergessenheit. Wenn mir mein Glück bewusst wurde, war es schon vorbei. Glück kann man nicht festhalten, nicht zwingen zu bleiben, man kann es nicht zurückholen - vielleicht bekommt man ein anderes Glück geschenkt.
Glück ist Gnade. Unser Glück sieht zu jeder Lebenszeit anders aus. Es wandelt sich mit den Jahren, mit uns. Weil wir in den seltenen Momenten der Selbstvergessenheit ganz in der Wahrnehmung
des Augenblicks aufgehen, werden sie vielleicht zu Glücksmomenten und als solche gespeichert. Anders kann ich mir die Erinnerung an ganz unspektakuläre Ereignisse nicht er klären. Sie sind in ein Glücksgefühl eingebettet wie in zarte, kostbare Seide.
Wie kommt es sonst, dass ich mich aus all den Sommern meiner Kindheit
an diesen einen Tag mit den Heckenrosenbüschen auf dem Hügel erinnere? Ich kroch unter den dornigen Zweigen labyrinthische Wege entlang - mit angehaltenem Atem und lauschend. Nicht gefunden werden - das erfüllte mich in diesem Augenblick mit einem großen Glücksgefühl.
Glück hatte für mich schon früh mit Alleinsein zu tun, weil Selbstvergessenheit eine Bedingung für Glück ist, oder sollte ich besser schreiben "für mein Glück" ist? Ich war vielleicht zehn Jahre alt, als ich bei Freunden meiner Mutter, die in Bevensen
die Bahnhofsgaststätte gepachtet hatten, Ferien machte. Mich der vorbeirumpelnden Züge und der mit Lupinen gesäumten Bahndämme zu erinnern, macht mich glücklich. Es war nur ein kurzer Augenblick des Glücks, doch ich habe ihn bis heute nicht vergessen. Ein anders Bild steigt wie eine Luftblase aus der Tiefe auf. Ich liege bäuchlings im Gras, atme mit der Erde, höre auf das Konzert der Grashüpfer, in das sich das Summen der Bienen und der Celloton einer Hummel mischen.
Ein Schmetterling flattert von der Kuckuckslichtnelke zum Wilden Kümmel. Über mir der blaue Himmel, in ihm ganz hoch oben ein rüttelnder Raubvogel. Das war Glück. Glück hat mir auch in dunklen Lebensphasen plötzliche Blitze der Freude geschenkt. Ich bin sicher, es erhellt mir die Jahre, die noch vor mir liegen. Wichtig ist, dass ich mich dem Augenblick öffne und nicht an Vergangenem festklammere oder Unmögliches von der Zukunft erwarte.
Wichtig ist auch, für sich persönlich zu definieren, was Glück eigentlich ist. Etwa die Abwesenheit von Unglück? Oder aber die Erfüllung materieller Wünsche? Glück ist mehr. Es leuchtet und löst ein warmes Gefühl in meiner Herzgegend aus. Es ist ein momentanes Erkennen. Menschen, Situationen, Frieden oder Gesundheit stimmen glücklich.
Mir sind (zum Glück!) bestimmte Menschen in meinem Leben begegnet: mein Mann, eine Freundin, ein Geliebter. Ich gebar drei Kinder. Ich schätze mich glücklich, ein starkes Naturell mitbekommen zu haben. Es half mir, das Schwere in meinem Leben durchzustehen und zu überdauern.
Daraus zog ich Kraft, offen für glückliche Augenblicke zu bleiben. Glück ist immer eine individuelle Erfahrung. Und Chance zugleich. "Jeder ist seines Glückes Schmied", sagt der Volksmund.
Quellenangabe dieses Berichtes
© 2001 Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG
Alle "Gute Gedanken" Texte, die sich zwischenzeitlich bei mir so angesammelt haben, finden Sie im oder im "Archiv.2003"
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