Für alle trauernden Menschen
Teil 5


Benn, Gottfried (1886-1956)

"Abschied"

Du füllst mich an wie Blut die frische Wunde
und rinnst hernieder seine dunkle Spur,
du dehnst dich aus wie Nacht in jener Stunde,
da sich die Matte färbt zur Schattenflur,
du blühst wie Rosen schwer in Gärten allen,
du Einsamkeit aus Alter und Verlust,
du Überleben, wenn die Träume fallen,
zuviel gelitten und zuviel gewusst.

Entfremdet früh dem Wahn der Wirklichkeiten,
versagend sich der schnell gegebenen Welt,
ermüdet von dem Trug der Einzelheiten,
da keine sich dem tiefen Ich gesellt;
nun aus der Tiefe selbst, durch nichts rühren,
und die kein Wort und Zeichen je verrät,
musst du dein Schweigen nehmen,
Abwärtsführen zu Nacht und Trauer und den Rosen spät.

Manchmal noch denkst du dich - die eigene Sage -
das warst du doch --? ach, wie du dich vergaßt!
war das dein Bild? war das nicht deine Frage,
dein Wort, dein Himmelslicht, das du besaßt?
Mein Wort, mein Himmelslicht, dereinst besessen,
mein Wort, mein Himmelslicht, zerstört,
vertan - wem das geschah, der muss sich wohl vergessen
und rührt nicht mehr die alten Stunden an.

Ein letzter Tag - spätglühend, weite Räume,
ein Wasser führt dich zu entrücktem Ziel,
ein hohes Licht umströmt die alten Bäume und
schafft im Schatten sich ein Widerspiel,
von Früchten nichts, aus Ähren keine Krone
und auch nach Ernten hat er nicht gefragt - er
spielt sein Spiel, und fühlt sein Licht und ohne
Erinnern nieder - alles ist gesagt.



"Trauer"

In jedem Leben gibt es Trauer.
Der Verlust eines geliebten Menschen, die Enttäuschung eines nicht erfüllten Traumes.
Die Dinge entwickeln sich nicht immer so wie wir es wollen.
Trauer schmerzt. Und, sie ist gut.

Denn Trauer kann nur entstehen, wenn etwas für Sie wirklich wichtig ist.
Und so sehr es auch weh tut - überlegen Sie die Alternative.
Was, wenn nichts für Sie wichtig wäre?
Paradoxerweise ist das Fehlen von Schmerz der größte Schmerz.

Wir müssen lernen, Trauer zuzulassen und anzunehmen, ohne davon überwältigt zu werden.
Und der erste Schritt dazu ist, die Trauer einzugestehen und sie voll zu fühlen.
Es ist die stärkste Form der Zuneigung.
Zu uns, zu Anderen, zur Wahrheit, zur Liebe, zum Leben.

Trauer zeigt uns wie sehr uns all dies betrifft
und was wirklich wichtig für uns in unserem Leben ist.
Und selbst im größten Schmerz ist Sinn und Hoffnung.
Aus der Trauer spricht eine tiefe Form des Genießens.

Der Sonnenschein ist wertvoller nach einer Woche Regen.
In der Trauer liegt die Kraft vorwärts zu gehen und die Chance, über Hindernisse zu triumphieren.


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