" Wie Kinder trauern "
* Kinder in ihrer Trauer begleiten *

Wie Kinder trauern
Teil 2

Todesvorstellungen in den einzelnen Altersgruppen und wie wir auf sie eingehen können

Säuglinge von der Geburt bis zum 10. Monat

Im Allgemeinen wird angenommen, dass Säuglinge den Tod der Mutter als Abwesenheit wahrnehmen.
Der Tod eines Geschwisters, des Vaters oder eines anderen Familienmitgliedes ist vermutlich nicht im gleichen Maße traumatisch.
Sie werden aber Veränderungen und negative Reize in ihrer Umgebung wahrnehmen.


Was Sie tun können:

Andere Bezugspersonen, Tagesrhythmus und häusliche
Umgebung so stabil wie möglich halten

Sich um das körperliche Wohl des Kindes kümmern

Anwesenheit schenken


Babys zwischen 10 Monaten und 2 Jahren

Die Nachricht vom Tod kann in diesem Alter kaum sprachlich vermittelt werden.
Babys in dieser Altersgruppe sind noch nicht in der Lage, den Begriff Tod zu verstehen.
Ihre Angst, verlassen zu werden, ist groß.
Sie sind stark auf Bezugspersonen fixiert und haben noch keine Zeitvorstellung.
Auch vorübergehende Trennungen können großen Schmerz hervorrufen.

Bei längeren Trennungen folgt auf eine Protestphase eine Zeit der stillen Verzweiflung und Traurigkeit, die schließlich in Gleichgültigkeit übergehen kann, wenn das Kind die Hoffnung auf eine Rückkehr aufgegeben hat.
Der Schock des Kindes richtet sich nach der erwarteten Häufigkeit des Kontaktes.
Die kontrollierte Phase ist bei Kindern in diesem Alter wenig ausgeprägt.

Stärker hingegen die regressive Phase, die sich häufig in trauriger Gesamtstimmung ausdrückt und in regressivem Verhalten (zum Beispiel Trinken aus der Flasche oder verstärkt anhängliches Verhalten).
Die Phase der Adaption ist bei Kleinkindern davon beeinflusst, ob sie weiterhin Zuwendung und Geborgenheit erfahren.
Dann kann der Weg zurück ins Leben auch gegangen werden.


Was Sie tun und sagen können:

Einfache Sätze wie „Papa ist fort”, „Mama ist nicht mehr da”
zu wiederholen, können ihnen helfen, zu verstehen,
dass ein Verlust geschehen ist.
Zuwendung


Vorschulkinder 3 bis 6 Jahre

Vorschulkinder kennen bereits das Wort tot, es hat für sie jedoch noch keine endgültige Bedeutung, sondern bedeutet so viel wie fort sein oder fort gehen oder eine Form von Schlaf, das heißt, sie erwarten eine Rückkehr des Verstorbenen.
Daher kann man die Todeswünsche von Kindern besser verstehen.
„Du sollst tot sein” bedeutet „Du sollst verschwinden”.
Für manche Kinder kann sich ein Toter nicht mehr bewegen, aber er spürt noch etwas.
Das heißt, Kinder stellen sich Tot-Sein wie ein Leben auf Sparflamme, wie reduziertes Leben vor.

Kinder in diesem Alter beziehen alles auf sich und können Schuldgefühle entwickeln.
Vorschulkinder meinen, nur andere Menschen würden sterben.
Manchmal entwickeln sie eine besondere Verbindung zum Verstorbenen.
Das Bestreiten des Todes kann sich auch in einem ganz konkreten Suchen des Verstorbenen äußern.
Auch hier gilt, je mehr das Kind auf den Verlust vorbereitet ist (lange Krankheit, vorausgegangener Abschied), desto geringer ist die Schock-Reaktion.
Ein selbst kontrolliertes Verhalten von Seiten des Kindes ist in diesem Alter nicht zu erwarten.
Es richtet sein Verhalten an Verhaltenserwartungen und Gewohnheiten seiner Umwelt aus.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt (auch schon direkt nach Kenntnis des Todes möglich) stellen Kinder häufig viele Fragen.
„Warum ist Opa tot?“
Hinter dieser Frage kann sowohl die Frage nach der biologischen Antwort stehen – „Weil Opa krank war“ – wie auch die Frage, nach dem Warum des Sterbens als Ausdruck persönlicher Betroffenheit.
Bei letzterer Variante ist es gut auch auf die Gefühlsebene des Kindes einzugehen – „Dir fehlt der Opa?“.
Andere Fragen können sein „Ist Mama jetzt ein Engel?“, „Wird Papa jetzt nass?“.
Diese Fragen können sich durchaus wiederholen.

Dabei ist es wichtig, nicht ungeduldig zu werden.
Denn dieWiederholung der Fragen dient Kindern zur Vergewisserung des Todesfalles.
In der regressiven Phase verhalten sich Kinder im Kindergartenalter oft anhänglich und ängstlich oder störrisch und aggressiv.
Auch apathisches Verhalten ist möglich.
Sie brauchen äußere Sicherheiten und Kontinuität von Betreuungspersonen und Tagesrhythmen.
Stofftiere können wieder zu konstanten Begleitern werden.
Die eigenen Gefühle können gut auf das Stofftier projiziert werden, so dass das Kind in Distanz dazu treten kann.

Die Regression kann sich ferner im Aufnehmen von Verhaltensweisen einer früheren Alters- und Entwicklungsstufe zeigen (Bettnässen, keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, nicht allein schlafen können, Nuckeltuch oder Daumen lutschen).
Impulse von sich aus über den Verstorbenen zu reden, können in dieser Phase zurückgehen.
Dies geschieht vor allen Dingen dann, wenn das Kind das Gefühl hat, seine Trauer nicht äußern zu können oder zu dürfen.
In solchen Situationen können behutsame Versuche mit dem Kind zum Beispiel durch Bilderbücher zum Thema in Kontakt zu kommen hilfreich sein.
Das Kind kann anhand der Personen im Buch über seine eigenen Gefühle sprechen, ohne sich dabei zu sehr öffnen zu müssen (zum Beispiel „Leb wohl, lieber Dachs“ oder „Abschied von Rune“).

Wir Erwachsenen sollten uns auch in dieser Phase nicht vom (wilden) Spiel eines Kindes täuschen lassen, mit der Annahme, dass die Trauerarbeit erledigt sei.
Auch im Spielen verarbeitet das Kind seine Trauer, da es so sein seelisches Gleichgewicht auf natürliche Art und Weise wieder herstellen kann.
Schließlich findet eine Hinwendung zum Leben statt.
Die Kinder wirken wieder interessierter an ihrer Umgebung.
Sie gewinnen wieder mehr Eigenständigkeit zurück und entwickeln wieder mehr Selbstbewusstsein und -vertrauen.
Dennoch gibt es auch in dieser Phase immer wieder Anfälle von akuter Trauer und Rückfälle.
Die Zeit der akuten Trauer ist dann vorbei, wenn das Leben insgesamt wieder auf die Gegenwart und Zukunft ausgerichtet ist.
Aber auch dann können Kinder immer wieder Zeit für ihre Trauer brauchen.


Was Sie tun und sagen können:

Erklären Sie, dass der Körper ganz aufgehört hat
zu funktionieren.
Bereiten Sie die Kinder im Falle einer langen, unheilbaren
Krankheit auf den Tod vor.
Bleiben Sie geduldig, während das Kind sich langsam dem
Gefühl der Trauer annähert.
Schicken Sie die Kinder nicht fort, sie fühlen sich
sonst verlassen und verwirrt, weil man sie ausgeschlossen hat.
Lassen Sie sie an möglichst vielen Vorgängen
in der Familie teilhaben.
Machen Sie ihnen klar, dass sie nicht schuld an dem Tod sind.

Helfen Sie dem Kind bei der Auswahl eines Andenkens.


Grundschulkinder 6 bis 9 Jahre

In ihrem Weltbild unterscheiden sie zwischen belebter und unbelebter Umwelt.
Diese Kinder beginnen die Bedeutung des Todes zu verstehen und haben ein sachliches nüchternes Interesse an den Äußerlichkeiten des Todes.
Trotzdem verstehen sie nicht alles und entwickeln deshalb Verlust- und Trennungsängste.
Zum Beispiel kann ein Kind Atemnot bekommen, wenn der Sarg geschlossen wird.
Die Angst vor dem eigenen Tod zeigt sich vor allem in Ängsten vor Gewalteinwirkungen, wie vor dem Erschossenwerden.
Daher sind Cowboyspiele in dieser Altersstufe beliebt.

In der Angst vor dem Tod der Eltern spiegelt sich die Angst vor dem Verlassenwerden.
Auch wenn sie den Tod als Tatsache erfassen, können sie ihn nicht immer akzeptieren oder rational darauf reagieren.
Die Kinder erkennen, dass der Tod alle Menschen treffen kann, auch ihnen sehr nahe stehende und auch sie selbst.
Mögliche Gefahren werden ihnen bewusster, und sie entwickeln ein größeres Sicherheitsbedürfnis.
Sie entwickeln Trennungsschmerz und Trauergefühle.
Realität und Phantasie wechseln sich ab.
Der Tod führt zu Veränderungen.
Die Kinder fürchten, dass ihre Freundinnen und Freunde sie für anders halten.


Was Sie tun und sagen können:

Sagen Sie ihm, warum dieser Mensch gestorben ist.

Achten Sie sehr genau darauf, wie das Kind reagiert,
welche Gefühle es zeigt.
Nehmen Sie sich Zeit, um über Ängste und Sorgen
zu sprechen und den Kindern zuzuhören.
Geben Sie ihnen so gut wie irgend möglich das Gefühl
von dauerhafter, verlässlicher Sicherheit.
Beziehen Sie das Kind bei der Planung und Durchführung
der Trauerfeier mit ein.


Schulkinder 9 bis 12 Jahre

Die sachliche Einstellung der Kinder bezieht sich jetzt auch auf die biologischen Aspekte des Sterbens.
Sie möchten wissen, wie sich der Körper eines Sterbenden verändert.
Wichtig ist, den Kindern solche Tabu brechenden Fragen nicht auszureden, sondern ihre Fragen zu beantworten.
Die Erkenntnis, dass der Tod etwas ganz anderes als das Leben ist, führt zu unheimlichen Vorstellungen und manchmal zu einer Vorliebe für Gruselgeschichten.
Das eigene Sterben wird akzeptiert.


Was Sie tun und sagen können:

Umarmen und liebkosen Sie das Kind.

Ermutigen Sie das Kind zu weinen.

Gehen Sie mit dem Kind auf den Friedhof.

Ermutigen Sie das Kind, über die
verstorbene Person zu sprechen.


Jugendliche

Jugendliche haben verstandesmäßig dieselben Vorstellungen vom Tod wie Erwachsene.
Sie fürchten vor allem die Belastungen des Sterbens, Schmerzen und die Frage, was mit ihnen nach dem Tod geschieht.
Besonders häufig ist das Gefühl der Angst, aber auch Unsicherheit und die Schwierigkeit, Gefühle die den Tod betreffen auszudrücken.
Sie sind in dieser Phase verletzlich, möchten aber keinesfalls mit diesen Gefühlen konfrontiert werden.

Wenn Jugendliche ein Elternteil verlieren, kann die Loslösung vom Elternhaus unterbrochen werden, weil sie die Verantwortung des Verstorbenen im Haushalt übernehmen müssen.
Das Thema Selbstmord spielt eine Rolle.
Der Tod verstärkt den Druck, dem Teenager sich sowieso schon ausgesetzt fühlen, wenn sie an die Zukunft denken.


Was Sie tun und sagen können:

Ermöglichen Sie es den Jugendlichen, an allen mit dem
Todesfall zusammenhängenden Feierlichkeiten,
Ritualen und Treffen teilzunehmen.
Versuchen Sie aufkommende Aggressionen zuzulassen
und auf den Grund zu gehen.
Unterstützen Sie sie darin, sobald wie möglich in ihren
Alltag zurückzukehren und den Kontakt mit
Freundinnen und Freunden wieder aufzunehmen.
Zögern Sie nicht, professionellen Rat zu suchen,
wenn Sie meinen, dass es nötig oder hilfreich sein könnte.



" Wie Kinder trauern "
* Kinder in ihrer Trauer begleiten *

Tod eines Bruders oder
einer Schwester

Verliert ein Kind ein Geschwister, kommt es zu Mehrfachverlusten.
Die Eltern sind meist nicht mehr in der Lage, dem lebenden Kind genügend Aufmerksamkeit zu geben, da sie mit der eigenen Trauer beschäftigt sind.
Das lebende Kind verliert also nicht nur ein Geschwister, sondern auch einen Teil der elterlichen Zuwendung.
Häufig fühlen sie sich daher zu Ersatz-Kindern degradiert.
Zusätzlich belastend ist für diese Kinder, dass die Beziehung der Eltern sehr häufig durch den Tod des Kindes vor hohe Anforderungen gestellt ist und nicht selten zerbricht.

Bleiben mehrere Kinder in einer Familie am Leben, so ist nicht einfach davon auszugehen, dass diese sich gegenseitig ausreichend stärken und unterstützen können.
Jedes Kind trauert individuell und für sich allein.
Zur Isolation und Einsamkeit in der Trauer trägt auch bei, dass in den verschiedenen Altersstufen der Ausdruck der Trauer und die Bedürfnisse im Trauerprozess sehr verschieden und oft nicht kompatibel sind.

Erschwerend kommt für solche Kinder hinzu, dass sie auch heute noch in der Regel von der Umwelt kaum als Trauernde wahrgenommen werden.
Aus Unsicherheit, wie mit ihnen umzugehen ist, werden sie häufig nach dem Ergehen der Eltern gefragt, aber nicht nach dem eigenen Befinden.

Kinder, die ein Geschwister verloren haben, fühlen sich oft
schuldig (weil sie sich schon gewünscht haben, dass der Bruder oder die Schwester tot sein soll)

erleichtert (weil sie jetzt vermeintlich mehr Aufmerksamkeit bekommen)

geängstigt (weil sie nun wissen, dass sie selbst auch sterben können)

verwirrt (weil sie – in einer ursprünglichen Zweiergeschwisterkonstellation – nicht mehr spürbar Bruder oder Schwester sind)


Was Sie tun und sagen können:

Ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit und Liebe schenken

Nach ihrem Ergehen fragen (nicht nur nach dem der Eltern)

Dafür sorgen, dass sie Freizeitangebote bekommen

Erzieherinnen und Lehrerinnen informieren

Im Fall der Überforderung der Eltern vertraute
vertraute Ersatzpersonen um Hilfe bitten.


Kann es durch einen früh erfahrenen Tod
zu einem Trauma kommen?
Wenn Kinder die ihrem Alter gemäße Möglichkeit zu Abschied und Trauer haben, unterstützt die Begleitung durch einen Erwachsenen die positive Verarbeitung des Ereignisses, so dass es nicht zu einem Trauma kommen muss.
Frühere Generationen waren, Menschen auf der Südhalbkugel sind von Kindheit an mit dem Tod konfrontiert gewesen und haben damit leben können.
Allerdings sind diese Menschen in der Trauer niemals alleine und können auf feste Rituale zurückgreifen.
Der Tod wird nicht verleugnet, sondern gemeinsam begangen.

Ohne diesen regelmäßigen und gemeinsamen Umgang mit dem Tod sind moderne Individuen, Erwachsene und Kinder, vermutlich sehr viel verletzlicher und schutzbedürftiger.
Dabei entsteht die größte Gefahr für Kinder durch eine Verleugnung, Dramatisierung oder Banalisierung des Todes.
Zu einem Trauma kann der Tod eines nahen Angehörigen für ein Kind werden, wenn es nicht die Möglichkeit hatte, sich zu verabschieden und das Faktum des Todes zu begreifen.

Eine Atmosphäre des Leugnens verunsichert Kinder
Kinder spüren atmosphärisch, dass etwas nicht stimmt.
Wird der Tod nicht beim Namen genannt, fantasieren Kinder, was geschehen sein könnte.
Diese Phantasien sind oft schlimmer als das Ereignis selbst.
Denn sie sehen sich als Auslöser des Wegbleibens des geliebten Menschen oder sehen andere Menschen als die Schuldigen an.
Geben wir dem Tod soviel unheimliche Macht, dass wir ihn totschweigen müssen, wirkt sich das auch auf die Kinder aus.
Sie spüren dann das Mächtige und haben davor Angst.
Somit wird ihnen die Möglichkeit verwehrt, Abschied zu nehmen und im Trauerprozess voranzukommen.
Kann ein Kind begleitet Abschied nehmen, wird die Möglichkeit von zusätzlicher Traumatisierung zum Beispiel durch Schuld erheblich verringert.


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