Geist wäre geil !!
Ich suche Beistand! Wie benennt man - politisch korrekt - das menschliche Hinterteil? Wenn man sich durch die akustischen und schriftlichen Äußerungen der Zeit bewegt, darf es gerne "der Arsch" sein. Ihn besingt Alex Köberle von der Band Schwoißfuaß, und dem BAP-Chef Wolfgang Niedecken ging die Nationalhymne "am Arsch vorbei".
Das verlautbart aber nicht etwa ein pubertierender Rocker (die Herren sind alle jenseits der 50), sondern damals ein Begleitgast von Bundespräsident Köhler auf dessen Afrikareise.
Die "Arschbombe", lasse ich mich belehren, sei längst Allgemeingut. Gemeint ist der geräuschvolle Kopfsprung verkehrt vom Beckenrand ins Wasser. Arsch kommt im Wörterbuch nur als Synonym für Gesäß und Dummkopf vor. Die gleichnamige Bombe hat es noch nicht zu lexikalischen Würden gebracht. Brauchen wir den Verwandten Arschkriecher überhaupt, oder tut's der Schmeichler auch? Soll das "arrogante Arschloch" Bestandteil unseres aktiven Wortschatzes sein, damit alle auf der gleichen Welle senden?
Ich versuche mich zu orientieren. Wo? In den Tempeln der Sprache, im Theater. Das Dresdner Staatsschauspiel lädt unerschrockene Bürger ein, ihre Wünsche offen vorzutragen, als wären sie "in einem rechtsfreien Raum". Die Laienspieler schütten Unflat aus auf das "Verräterschwein Schröder", der Ministerpräsident darf sich als "blöde Sau und dämliche Quadderschnauze" tituliert wissen. Intendant Freytag lässt weiter verbal auskotzen. Die Vorstellungen sind ausverkauft.
Apropos auskotzen. Warum bitte müssen Fußballer ständig auf den Rasen spucken? Und welche Halskrankheit hat Gleichaltrige befallen, dass sie dies zunehmend auch auf der Straße tun? Jungs, behaltet diese Art von Flüssigkeit bei euch!
Aber offenbar sehen manche Rapper das anders. Einer von ihnen findet es - singend - in Ordnung, dass man halsstarrige Frauen ins Gesicht schlägt. Wer das anders sieht, ist ein "motherfucker". Man müsse mit der Sprache richtig draufhauen, damit der Kern heraus kommt.
Welcher Kern denn? Geist wäre geil (heutzutage ist ja alles geil). Aber wo findet sich dieser Geist? In der Kreativität von dem, was man "schlechte Ausdrücke" nennt?
Der Satiriker Wiglaf Droste hat den Ehrgeiz, der Wortschöpfer des Jahres zu werden. Für Sitzheizung erfand er "Mösenstövchen", fiel damit aber durch. Zu harmlos?
Mir geht es nicht um Klangheiligkeit. Aber wenn wir unsere Sprache schon nicht pflegen, dann könnten wir wenigstens die Zungen zügeln als Form der Nächstenliebe. Aber öffentliches Taktgefühl verliert zunehmend an Bedeutung.
Scheiße allerorten. Es ist zum Drauf-Ausrutschen! Seit es Handys gibt, gibt es keinen Zweifel: Der Zug verspätet - "Scheiße". Anschluss verpasst - "scheißegal". Man wird gezwungen, mit auf der akustischen Toilette zu sitzen. Die hygienischen Vorkehrungen, früher Diskretion genannt, fehlen völlig. Wenn Reizwörter von unerzogenen Haudraufs gebraucht werden, ist das eine pubertäre Pose, eine falsche Aufsässigkeit.
Aber weshalb lässt sich das eine offenbar halb taube Gesellschaft bieten? Redakteure akzeptieren in Interviews: "Ich musste meinen Arsch neu synchronisieren", Anke Engelke. Fernsehintendanten finden nichts dabei: "Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören", Rudi Völler. Die Bürger mucken nicht einmal auf gegen das "Lustkotzen" von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.
Das intakte deutsche Resthirn, das für die grundlegenden Lebensfunktionen zuständig ist, orientiert sich derweil an einem äthiopischen Prinzen. Sein Buch "Manieren" ist ein preisgekrönter Bestseller im Land. Asfa-Wossen Asserate spricht unsere Sprache seit dreißig Jahren. Er pflegt sie als Thema eines Tischgesprächs, und er findet es absurd, die besten Manieren bei der Oberschicht zu erwarten. Wie Recht er hat! Der fromme Mann sollte sie nirgendwo erwarten.
Es geht ja nicht nur um ästhetische Dissonanzen. Wer andere anblafft, vor ihnen ausspuckt, schikaniert nicht nur seine Umgebung. Er geht mit sich selbst unachtsam um. Diese armen Schweine, die sich vor sich selbst ekeln, wissen es oft nicht einmal. Mit Kraftausdrücken wollen sie Kraft ausdrücken, wie sie Goethe einst seinem legendären Götz in den Mund legte. Nur: Was damals und seither literarischrevolutionäre Ausnahme war, ist heute allgegenwärtiger Gassenhauer.
Was haben wir es herrlich weit gebracht!
Möge es der/die AutorIn Kranker für Kranke verzeihen, daß Ihr so zutreffender Beitrag aus einer Sonntags-Zeitung auch hier der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurde.
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