* BESINNLICHES * von Wolf-Alexander Melhorn

NEUE Serie
Prosalyrik

Mancher sagte, es sei Lyrik, andere bezeichneten es
als Prosa.
Daher nenne ich es
Prosalyrik

Teil 1

Heilpraktiker
Wolf-Alexander Melhorn dipl.rer.pol.
Geboren am 30. 4.1941 in Berlin
Abitur in Stuttgart
Studium der Volkswirtschaft in Tübingen
Tätigkeit in der Industrie
Seit 1979 als Heilpraktiker in eigener Praxis
Verheiratet seit 1979, 7 Kinder.
Seit 1984 wohnhaft in Ellwangen/Jagst
* www.melhorn.de/Prosalyrik *


* Die Steine *

Sterne sprühten ihre Kälte in den Sand.
Schatten türmten sich bedrohlich,behende selbst der zuckenden Beweglichkeit des Feuers weichend.

Es war wohl gegen Mitternacht.
"Ein Märchen nur".
Nichts weiter....

Es lebte einst ein großer Herrscher.
Gütig, doch mit weiser Strenge
lenkte er die Fährnis seines Reiches,
dass jeder ihn darob verehrte.

Eines nachts erschien jedoch ein Geist vor ihm.
Ein Jüngling, stark und schön.
Der hielt bei sich ein Kästchen,
zierlich klein, aus Edelholz,
in ziselierter Schnitzerei, mit Gold und Edelstein belegt.

Der junge Mann verneigte sich,
ihn ehrend, bevor er seine Worte setzte:
"Fünf Steine bringe ich, mein Herr!
- Denn Du bist auserwählt, sie zu besitzen,
bis an die Schwelle Deines Lebens.
Dann aber gib sie wiederum,
wer gleichfalls würdig,
sie der Zukunft zu bewahren." So ward gesprochen.

Dann öffnete der Geist das Kleinod zwischen seinen Händen,
und Licht,
das niemand je beschreiben kann in seiner Pracht und Farbenfülle,
ergriff Besitz von allem Irdischen.

Der Jüngling wies zunächst auf einen großen Stein,
mit einer Strahlkraft ohnegleichen.
"Er ist die Macht!"
"Und dieser hier...."
Er nahm den Stein behutsam und hob sein Funkeln in den Raum:
"Er ist die Kraft, in ihrer ganzen Unvergänglichkeit!"

Behutsam legte er die Pracht zurück und griff sich einen weiteren heraus:
"Der hier, Gebieter,
mit seiner leuchtend prallen Brechung,
ist der Reichtum!
Die Schönheit, Herr, ist jener dort in seinem Glanz."

So wurde jeder Stein von ihm gepriesen,
ergänzt mit weiterer Erklärung,
zu deren Wiedergabe
wir lange schon nicht fähig sind
- denn damals gab es noch sehr viel zu sagen über solchen Schatz.

Nur jener fünfte Stein,
den selten herber Glanz umfing,
erhielt von ihm kein Zusatzwort.
"Die Liebe" sagte er nur kurz.

Und ging.

Der Herrscher fühlte sich benommen.
Als die Erscheinung ihn verlassen,
wähnte er,
dies nur geträumt zu haben.
Bis er die Steine selbst berührte.
Und tief ob dieser Pflicht erschrak.

Der Tag brach irgendwann herein
und fand ihn weiter sinnend.
Dann befahl er, diese Unvergleichlichkeiten sicher zu verwahren.
Doch selten nur ließ er sie später noch mal vor sich bringen,
denn jedes Mal durchschauerte ihn diese Bürde ihres Lichts.

Doch lief die Zeit so unbeirrt wie immer ihrem Ziel entgegen.
Bevor sie ihn nach Jahren schließlich überholen wollte,
blieb ihm noch,
das auszuführen,
was ihm aufgegeben.

Lange sann er auf das beste Tun,
befahl dann aber,
ihm alle zu benennen,
die würdig seien,
seinem großen Auftrag zu genügen.
Doch als er diese dann mit Augen sah
und über jeden reiches Lob vernahm,
fiel die Entscheidung lastend schwer.
Denn wonach wird ein Mensch gewogen?
Wieso wird der genannt als Würdigster?
Nicht jener?
- War letztlich denn nicht jeder würdig?

Der Tag verging.
Dann traf er die Entscheidung,
die Steine sorgsam zu zerteilen,
was ihm ja nicht verboten worden.

Und jeder dieser Ehrenwerten erhielt ein Stück,
das nach Größe, Wert und Pracht
Gewähr zu bieten schien,
den bleibend kleinen Unterschieden zu entsprechen.

Zugleich gab er den Auserwählten auf,
wenn ihnen selbst dereinst die Todesstunde nahe,
den Stein zur weiteren Verwahrung nur wiederum dem Würdigsten zu geben.

Beim fünften Stein riet Sachverstand ihm jedoch ab:
Der sei ersichtlich viel zu spröde,
als dass selbst Handwerkskunst ihn teilen könne,
ohne anderes als Staub zu hinterlassen.

Nach langem Hin- und Herbedenken
winkte sich der Herrscher darauf eine junge Frau heran.
Die hielt ein Kind in ihren Armen,
das selig zu der Mutter strahlte.

Und diesem gab er wortlos jenen Stein.

Die gleiche Nacht verstarb der Greis.

Was wohl gemeint,
war gleichwohl doch misslungen.
Denn wahre Würde, wie sie hier bedungen,
verpaart sich stets mit Größe
- nicht dem Wert,
den Dritte einem zuerkannt
oder - schlimmer noch - man sich gar selber zugesprochen.

Soweit der Herrscher sich dem Urteil Dritter anvertraut,
anstatt die Last des Auftrags selbst zu schultern,
ward seinem Geben das Versagen gleichsam mitgeschenkt:
Es floss der Steine wegen bald schon Blut!
Zu viele missverstanden das Geschehen
und trachteten im Neid,
von diesen Steinen selber zu besitzen.
So glitten diese immer schneller,
blutgetauscht,
durch vieler Menschen Hände,
gelangten selbst in fernste Länder
und wurden auch noch mehr zerstückelt.

So weiß nun heute niemand,
wer sie gerade und wie lange im Besitze hat.
Und was sie bringen, zerrinnt daher auch oftmals schnell.

Gesondert zu erwähnen
jedoch der Verbleib des fünften Steines.

Der Weise hatte selbst das Kind erwählt.
Doch bleibt auch daran Zweifel.
Nicht an der Wahl an sich.
Vielmehr dem Schweigen,
mit dem er das Geschenk bedacht.

Ein Kind,
der Worte,
des Verstehens noch nicht mächtig
- was sollte er dem aber auch gesprochen haben,
wird mancher nun dagegen halten?
Doch war da immer noch die Mutter,
die es dem Kinde hätte weitergeben können
- wie sie ja auch den Stein verwahren sollte!

Wer aber meint,
der lebenskluge Greis
sei vielleicht uneins mit sich selbst gewesen,
was Liebe ist,
der deutet ihm sein Schweigen falsch!
Gab doch auch jener Jüngling,
ohne der Bezeichnung noch was anzufügen,
denn wo die Liebe noch Erklärung braucht,
da ist sie nicht
- so wenig, wie sie teilbar wird.

Das wusste dieser Weise.

Nicht so die andern,
die da sahen,
wer den Stein erhalten hatte,
ohne für sie sichtbar ein Verdienst zu haben.

Bald sah die Mutter des Beschenkten sich umringt,
gedrängt,
doch etwas zu erklären,
das sie selber nicht verstand,
nur die Gefahr erzitternd,
die so allmählich aus dem Stein erwuchs.

Es fiel sogar das Wort von "Zauberei"
und dass der Stein bereits getötet habe!

Es hatten sich
- wie immer, wo dies möglich ist -
auch bald schon welche eingefunden,
die planten,
gottesfürchtig-fromm,
gewaltsam bei ihr einzudringen,
um sich des Übels zu bemächtigen.

Das ward ihr gleichfalls zugetragen,
und um nun Schaden von dem Kind
und auch sich selbst noch abzuwenden,
gab sie gleich hastig weiter,
was dem Beschenkten eigentlich doch zu bewahren übergeben
- auch wenn der Weise ihr von solchem Auftrag nichts gesagt.

Es lässt sich ohnehin nur ahnen,
was den Greis bewegte,
nur ihr den Auftrag zu verschweigen.
Kam zu dem Zeitpunkt vielleicht in ihm hoch,
dass eigentlich nur einer von ihm auszuwählen war
- und dies so unauffällig, wie ihm selbst geschehen?
Schwieg er also bei der letzten Gabe,
weil er bereits begriffen hatte,
wie bitterlich er durch den Pomp,
mit dem er diese Steine schenkte,
in dieser, eigentlichen Lebensprüfung
unterlegen war?
Lähmte ihm daher Betroffenheit die Zunge?

Darüber ist uns nichts bekannt.
Vielleicht, weil eine Antwort jeden trifft.
Bekundet nur,
dass sich die Frau von diesem Stein,
der voller Heimlichkeiten,
aber einem dunklen, wechselhaften Feuer,
wieder trennte.

Und jene,
denen sie ihn hingegeben,
trugen ihn mit Sprüchen und Gesängen auf den Berg,
der immer schon der Götter Sitz.
Von dort aus warfen sie ihn weit hinab,
wobei sie Glück für ihre Welt erflehten.

Und er zerbarst in tiefer Weite!

Es kam,
trotz diesen Frevels,
der Welt die Liebe nicht abhanden,
denn eines Tages,
da bekannte sich,
von irgendwo,
doch das Geheimnis des Juwels
und sein Verlust wog vielen plötzlich vielfach schwer.

Seither suchten viele nach den Splitterresten,
doch niemand kennt nur deren Form,
geschweige denn die Farbe.

Wer sich bei solcher Suche schließlich etwas aufgegriffen,
der kann sich daher auch nicht sicher sein:
Denn Liebe nimmt sich nun mal nichts und dadurch erst wird ihr dann selbst gegeben.
Im Gegensatz zu jenen andern Steinen,
die sich gerade durch Besitz beweisen.

Und so kann jedes Einzelstück,
das wir für uns als Liebe finden,
tatsächlich Teilchen dieses Ganzen sein.
Zum Vollkommensein fehlt einem Finder jedoch stets Gewissheit,
dass es wirklich auch so ist.
Ihm bleibt nur zu behüten,
pflegen,
was ihm Liebe scheint,
denn wissen wird er erst,
nachdem er es für sich verloren.

Er erhob sich in dem Schweigen,
durchging den Kreis,
der zögernd vor ihm wich.

Des Feuers Glut zersickerte sich irgendwann ins Dunkel.



Kranker für Kranke bedankt sich herzlich bei Herrn Melhorn für das zur Verfügung stellen seiner Werke


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