Wie begegnen wir dem Fremden ?
Die Jugendlichen, die heute in den französischen Vorstädten randalieren, sind Fremde im eigenen Land.
Obwohl sie französische Staatsbürger sind, gehören sie nicht wirklich dazu.
Fremd sind sie geblieben, die Nachfahren der von Frankreich kolonisierten Länder.
Ihre Hautfarbe weist sie als nicht einheimisch aus, auch wenn sie selbst
sich gar nicht so fühlen.
In den französischen Vorstädten geht der Kolonialismus weiter.
Das Gefälle zwischen den richtigen Franzosen und den Fremdgebliebenen wird größer.
"Papa, was ist ein Fremder?" So fragt Mérième ihren Vater, der aus Marokko stammt und jetzt mit seiner Familie als Schriftsteller in Paris lebt.
Tahar Ben Jelloun erklärt ihr das Wort, das besagt, dass einer "von weit her" kommt, "nicht dazugehörig" ist
Und dass jeder von uns irgendwo ein Fremder oder ein Ausländer ist.
Wir können gut damit leben, irgendwo Fremde zu sein, wenn wir gleichzeitig einen Ort haben, wo wir zu Hause sind.
Fremdsein ist furchtbar, wenn ich nirgendwo zugehörig bin.
Das Fremde löst Ängste aus, wenn wir nicht bereit sind, über uns selbst hinaus zu schauen.
Deshalb wehren sich Menschen unwillkürlich, wenn Fremdes in ihr Leben eindringt.
Ausländer, Kranke, Trauernde, Obdachlose, Schwule stellen das scheinbar Normale in Frage.
Ihr Anderssein ist wie Sand im Getriebe.
Dann sagt man zu den behinderten Menschen, in unserem Wohngebiet wollen wir kein Heim für Behinderte.
Wir sind ja nicht gegen Behinderte, aber eben picht vor der eigenen Haustür.
Fremd zu sein, nicht dazu zu gehören, ist besonders schlimm für Jugendliche.
Sie tun alles, damit sie in ihrer Clique anerkannt sind.
Sie wollen sich nicht von den Gleichaltrigen absetzen, ziehen die Klamotten an, die man gerade trägt, hören die Musik, die andere auch hören.
Es beeindruckt mich, dass ausgerechnet am 13. November, mitten in die von Gewalt geprägten Tage, ein Franzose in Rom selig gesprochen wurde, der in diese Kolonialgeschichte verstrickt war.
Charles de Foucauld hat vor hundert Jahren mit seinem Leben ein Zeichen gesetzt gegen Ausgrenzung und Missachtung und für Wertschätzung und Freundschaft.
Wenig ist vom geistlichen Weg dieses "Wüstenheiligen" bekannt, der als "Bruder Karl" bei den Tuareg als Einsiedler ein Leben der Gastfreundschaft gepflegt hatte.
Als Jugendlicher verlor er seinen Glauben, führte ein lockeres Leben, war als Soldat in Algerien und fand in der Begegnung mit Moslems zu seinem christlichen Glauben zurück.
Er hat sich von der Begegnung mit dem Fremden faszinieren lassen, die Sprache der Tuareg studiert und sogar ein wichtiges vierbändiges Tuareg-Lexikon erstellt.
Ihn beeindruckte das Fremde.
Er empfand es nicht als Bedrohung, sondern als Anlass zur Begegnung.
Und es ließ ihn das Eigene neu entdecken.
Charles de Foucauld war ein Mensch, der leidenschaftlich nach Gott suchte.
Auch in seiner jugendlichen Rebellion gegen den Glauben blieb er ein Gottsuchender.
Dass wir im Fremden Gott begegnen, dieses Wort Jesu hat ihn geprägt und aus seinem begrenzten Horizont herausgeführt.
Mitten in der Wüste hat er sich mit allen Konsequenzen auf das Fremde eingelassen.
Der Preis war ein Stück Einsamkeit, der Gewinn waren freundschaftliche Beziehungen mit den Tuareg.
Er machte seine Wohnung zu einem Ort des Gebets und der Begegnung.
Viele tausende sind noch heute von seinen Ideen inspiriert und leben in seiner Spiritualität.
Sie haben sich in moslemischen Ländern niedergelassen, lernen die Sprache, lassen sich auf das Fremde ein.
Sie finden das Vertrauen der Menschen, weil sie nicht als die Überlegenen kommen.
Sie werden zu Freunden und erfahren Gastfreundschaft.
Kleine Schwestern und Kleine Brüder von Jesus nennen sie sich in Anlehnung an den Namen, den Foucauld sich selbst gegeben hat:
Bruder Karl von Jesus.
Unter diesem Namen kannten ihn die Tuareg.
Eine Tuareg-Delegation, Nachfahren derer, die erlebt haben, wie Charles de Foucauld ihnen mit Achtung und Freundschaft begegnet ist, ist ihm zu Ehren nach Rom gekommen.
Sie haben teilgenommen an der ihnen fremden katholischen Zeremonie, in Respekt vor ihm, der ihren moslemischen Glauben respektierte und bewunderte.
Dass er gerade in unseren Tagen selig gesprochen wird, ist für mich bemerkenswert.
Das Prophetische seines Lebens wird zum richtigen Zeitpunkt gewürdigt.
Im Blick auf die Unruhen in Frankreich und unsere Sorge, es könnte in Deutschland Ähnliches passieren und der Angst vor Bedrohung auf der ganzen Welt, bekommt seine Lebenshaltung eine große Bedeutung.
An seiner Geschichte begreife ich, dass wir uns in der Begegnung mit dem Fremden auf einen langen Weg machen müssen, der auch mühsam sein kann.
Aber der Gewinn ist groß, weil nicht nur der eigene Horizont sich erweitert, sondern das Eigene erst in der Begegnung entdeckt wird und seine Beachtung findet.
Ob es gelingen wird, den französischen Jugendlichen neu zu begegnen und sie etwas von dieser Wertschätzung erfahren zulassen, bei der alle Beteiligten gewinnen?



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