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Kranker für Kranke * Religiöses *
Kritische Stimmen sind willkommen, denn es ist sicher nicht so einfach Texte zu finden, mit denen jeder Christ einverstanden ist.
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"Mit Gott fang an, mit Schalk hör auf "
Lebensweisheit eines deutschen Entertainers
Sie ist mit das Privateste - unsere religiöse Überzeugung. Darüber spricht man nicht, außer unter Gleichgesinnten - oder als Kalauer des Showtalents Thomas. Die Religion wird in Deutschland so vertraulich behandelt wie das Einkommen. Eher gibt man Auskunft, wen man wählt. Fast Allgemeingut sind sexuelle Präferenzen, die haben ja schon Fernsehreife erlangt (ist das "auch gut so"?).
Aber seit dem Weltjugendtreffen in Köln, wie zuvor beim spektakulären Tod von Papst Johannes Paul, gibt es eine erstaunliche Beobachtung: Das öffentliche Bekennen von religiösen Überzeugungen greift um sich.
In diesen Tagen ist die emotionale und geistige Lebenstemperatur bei Millionen Menschen deutlich erhöht. Das gab es aus religiösen Gründen in Deutschland lange nicht mehr. Viele werden sich darüber freuen, auch wenn sie nicht zur jubelnden Menge gehören. Ist es nicht positiv, dass
sich junge Menschen auch für etwas anderes interessieren als Markenklamotten und Popstars? Es ist. Aber die Skeptiker weisen darauf hin, dass hier einfach Jesus Christ zum Superstar oder Be-ne-det-to zum Best of umgeformt werden. Überdies sei die Jugend unterschätzt, wenn man ihr eine spirituelle Dimension - auch ohne Weltjugendtag - abspreche. Man wird ja sehen, was nach den Großauftrieben des Jahres 2005 in Rom und Köln übrig bleibt. Bisher ist die Bilanz der alltäglichen Frömmigkeit aus Sicht der Kirche verheerend.
In Deutschland wechseln durchschnittlich 140.000 Katholiken und 240.000 Protestanten ins Lager der Konfessionslosen - jedes Jahr. Aus welchen Gründen? Um endlich ehrlich zu sich zu sein oder um Steuern zu sparen ? Beides hängt man nicht gern an die große Glocke.
Dabei war es eine Errungenschaft unserer freien Gesellschaft, dass Religion Privatsache wurde. Eine Folge: keine Glaubenskriege mehr, jedenfalls nicht in unseren Breiten. Und jetzt diese religiöse Inkontinenz, ein peinlicher Geständniszwang. Wurde hier eine Flut nur zurückgehalten, die sich jetzt Bahn bricht? Viele Prominente äußern sich in diesen Tagen zu Gott, seinem Stellvertreter auf Erden oder ganz persönlich "Warum ich glaube". Dabei kommt vor allem heraus, als dass es auf dem Lebenshilfemarkt turbulent und bunt zugeht. Mit den daraus folgenden Risiken und Nebenwirkungen befassen sich dann fragwürdige Sinnstifter.
Sekten darf man auch nicht mehr sagen. Sie heißen jetzt "konfliktträchtige Anbieter auf dem Lebenshilfemarkt".
Hätten die Kirchen bei so viel Bedürfnis nach Sinn nicht hier ihre Chance? Ja, wenn sie sich nicht zur "allzuständigen Sozialagentur des Guten" (Graf von Krockow) entwickelt hätten. Oder, wie der ehemalige Minister Hans Apel über die EKD schreibt, zur "bequemen Segnungskirche verkommen" sei, die alles gutheißt, wenn es nur "marktgängig ist". Und: "Die Geistlichen verbiegen das Evangelium so lange, bis es zu ihrem Lebensstil passt. Auch weil sie meinen, dass ihre Kundschaft dies wünscht."
In diesem Sinne hoffen bei der aktuellen Kölner Kundschaft einige auf einen flexibleren Oberhirten. Vermutlich vergebens. Liegt seine Stärke in der Härte der Anforderung? Muss man unerbittlich Position halten, damit der Kurs die Crew auf dem Schiff der christlichen Seefahrt überzeugt? Davon scheinen sowohl Gastgeber Kardinal Meissner als auch die Päpste Johannes Paul und Benedikt überzeugt zu sein. Der gleichnamige Vorgänger Benedikt XII. erkannte immerhin: "Wer das Fest verbietet, bereitet die Orgie vor." Damals, vor 670 Jahren, wurde das Fleisch an Wochentagen erlaubt. Heute will man keine Konzessionen am Tisch des Herrn, jedenfalls nicht für Evangelische. Auch für Homos nicht, schon gar nicht für Frauen.
Weshalb dennoch die Rückkehr des Religiösen? Offenbar werden diese problematischen Punkte von Leuten mittlerer Alltagsreligiosität ausgeblendet.
Sie suchen Sinn, wo sie ihn finden - wenn gestorben werden muss, wenn ein Kind geboren wird, bei Krisen und Krankheit oder einfach wenn die Zeiten unsicher sind. Das Auskommen ist im Grundsatz gesichert bis komfortabel, da möchte man gerne wissen, wonach man sich sonst noch ausrichten kann. Beneidet werden die, die glauben können.
Aber wie geht das - glauben? Darauf hat mir der kürzlich verstorbene Prälat Bernhard Hanssler, ein brillanter theologischer Skeptiker, einmal geantwortet: Glaube ist ein Geschenk zur Freiheit. Aber kein sanftes Ruhekissen, eher langlebige Arbeit voller Zweifel und Rückschläge. Und wenn man Glück hat, ein Gerüst, um die Freiheit des Christenmenschen zu genießen.
Bekennen gehört dazu. Sich weit aus dem Fenster lehnen - und sei es, um vor sich selbst nicht mehr zurück zu können. So ein Bekenntnis ist nicht unbedingt die Rückkehr des Religiösen. Aber immerhin der Wunsch danach. |

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